Bekommt die Grillwurst kriminelle Charaktereigenschaften?

Der 1.Mai ist bekanntlich der „Tag der Arbeit“. Viele Kundgebungen laufen bundesweit – die Teilnehmerzahlen sind aber über Jahre rückläufig. Auch in Vechta hat der „Deutsche Gewerkschaftsbund“ und einige andere Organisationen zu einer Kundgebung eingeladen. Laut meiner Lokalzeitung sind etwa 75 Menschen der Einladung auf dem Europaplatz gefolgt. Nicht sehr viele Teilnehmer – es mag an den sehr schlechten Wetterverhältnissen gelegen haben oder das die Veranstaltung im Vorfeld nicht genügend publik gemacht worden ist.

Der Hauptredner war Prälat Peter Kossen, der gebürtig aus Visbek/Rechterfeld kommt. Er setzt sich unermüdlich gegen die “moderne Sklaverei” und fairen Arbeitsbedingungen in der Schlachtindustrie ein. Er nennt bei seinen Predigten offen die Profiteure der Missstände mit Namen und legt immer wieder die Finger in diese Wunde. Pfarrer Peter Kossen hat sich einen Namen damit gemacht. In vielen Talkshows und Presseberichten wird der „unbequeme“ Priester als der Mahner eingeladen. Für mich ist er auch fachlich gut im Thema. Er kennt die mangelhaften Unterkünfte der Werkvertragsarbeiter aus Osteuropa und weiß auch, dass beispielsweise Überstunden nicht gezahlt werden, die Mieten für die Mehrbettzimmer völlig überteuert sind, dass der Aufenthalt in Pausenräumen von den Mitarbeitern bezahlt werden müssen…! Sehr viele weitere Missstände in der Fleischindustrie sorgen auch bei mir immer wieder für Unverständnis. Das alles ist unter dem Dogma „wer-kann-das-Fleisch-am billigsten-verkaufen“ entstanden. Es wird von uns und von den Behörden geduldet – wir schauen einfach weg! Neue Gesetze werden mit sehr viel „kreative Intelligenz“ von den Leiharbeitsfirmen unterlaufen. Die Diskussionen über die Machenschaften in der Fleischindustrie habe auch dafür gesorgt, dass der Beruf „Fleischer“ fast völlig aus dem Berufsbild verschwindet. Ganze Berufsschulen werden geschlossen, weil keiner den Job mehr machen will. Um es aber klar zu stellen: Die Ausbildung in einem handwerklichen Betrieb, hat mit den Arbeitsbedingen und der Bezahlung der Fleischkonzerne nichts zu tun.

Es gibt aber auch positive Beispiele von großen Lebensmittelherstellern, die ohne Leih- und Werksvertragsarbeiter auskommen und die Wohnungen für die Mitarbeiter bauen und die angepasste Löhne zahlen. Auch diese Firmen werden vom Prälat Kossen positiv genannt!

Warum schreibe ich darüber hier im Blog? Erstens mag ich solche Entwicklungen nicht, wo die Produktionskosten über dem menschlichen Wohlergehen stehen und Verantwortliche unschuldig wegschauen. Zweitens haben wir alle eine Mitverantwortung, indem wir bewusster einkaufen und nicht den kleinsten Preis als Maßstab von „besonders-geil“ setzen. Billiges Fleisch und billige Wurst haben einen Ursprung. Das geht nur mit großer Masse (Tiere, Tiergesundheit), immer schneller, größer, noch mehr und mit geringsten Lohnkosten (die auf die Fleischbranche bezogen in Europa einzigartig gering sind – darum produzieren immer mehr ausländische Firmen in Deutschland).

Warum hat sich dieser Trend so entwickelt? Aus meiner Sicht locken die Discounter / Supermärkte immer noch Kunden mit Fleisch und Wurst. Wer einmal im Markt ist, kauft auch das andere ein. Die Macht dieser Ketten wird immer stärker, weil sie in der Fläche immer stärker wachsen und verdrängen. Nur der Preis ist entscheidend – alles andere hat sich dem unterzuordnen. Das betrifft die gesamte Kette vom Landwirt, Tiere, Schlachtbetriebe, Mitarbeiter bis zu Ladentheke. Nur wenn das Hackfleisch für 2,99 € /kg verkauft werden kann – ist alles richtig gemacht! Wirklich?
Eine handwerklich herstellte Bratwurst
Ich werde das Einkaufsverhalten nicht ändern können. Mir wird nur immer deutlicher, dass in unserer Gesellschaft offensichtlich Gleichgültigkeit, Wertschätzung und Ehrlichkeit stark schwindet. Denn hochwertige Lebensmittel (Fleisch & Wurst) werden selten hinterfragt – sondern oft entscheidet der Preis, welche Wurst am 1.Mai auf den Grill landet (oder beim nächsten Grill Event). Wenn eine Bratwurst für 3,12 €/kg angeboten wird, sollte bei jedem Verbraucher innere Unruhe die Fragestellung erlauben: „Wie geht das? Wem schade ich damit, wenn ich diese Wurst kaufe?“

Wir achten ich beim Einkauf von Fleisch sehr stark darauf, ob der Betrieb Werksvertragsarbeiter einsetzt und wie das Unternehmen mit seiner Stammbelegschaft umgeht. Ich habe dafür mittlerweile ein gutes Gespür und hinterfrage bei der Auftragsvergabe auch nach diesen Themen. Ich weiß aber auch, dass es nicht immer möglich ist, weil vieles stark verzweigt ist.

Daher sind so kritische Stimmen wie vom Pfarrer Peter Kossen so wichtig, die zum Überlegen anregen, mahnen und das Bewusstsein beim Einkauf stärken.

Foto von Johannes Hörnemann. Bischöfliche Pressestelle Vechta: Peter Kossen, Pfarrer in Lengerich

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