Reingelegt!

Haben Sie sich schon einmal so richtig über sich selber geärgert? Ich bin im Moment ziemlich verärgert über mich selber! Ich möchte Ihnen den Grund schildern. Am vergangenen Donnerstag betrat eine sehr gepflegte Dame mit einem kleinen Kind gegen 11 Uhr unser Restaurant. Ich war mit einem Kunden im Gespräch, aus der sich eine langfristige Zusammenarbeit ergeben kann. Die „Hübsche“ blickte sich suchend im Lokal um. Als ich Unterlagen holen musst sprach sie mich an: „Sind Sie Herr Freese? Ich habe eine kleine Bitte. Wir sind in Visbek neu zugezogen – in der neuen Siedlung…ich habe so etwas noch nie gemacht…mein Mann ist noch auf Geschäftsreisen!“ Ich Blick wirkte sehr ängstlich, unsicher und hilflos. „Mein Mann hat versehentlich alle Geldkarten mitgenommen. Ich habe nur eine Onlinebank und kann so kein Geld abheben… ich habe so etwas noch nie gemacht…ich kann jetzt nichts einkaufen! Ich kann für meinen Sohn keine Lebensmittel einkaufen!“ Ich war sehr unter Zeitdruck und hörte mir die Schilderung der Dame an. (Sie hat viel Ähnlichkeit mit La Toya Jackson). „Könnten sie mir 20.- € bis heute Abend leihen? Dann kommt mein Mann zurück. Sie kennen mich sicherlich noch! Wir haben vorher in Langförden (Nachbarort) gewohnt. Dort haben sie uns schon ein Buffet geliefert…!“ Ich erkannte „meine“ Kundin nicht wieder. Ihre Kleidung und Ihr Make Up waren sehr gepflegt. Ihre Aussprache war langsam, aber sehr klar.

Irgendwie tat sie mir leid – auf der anderen Seite war ich ein wenig verärgert („Warum kommt die gerade zu mir mit diesem Anliegen?). In meiner Hektik habe ich im Büro gesagt: „Stell mal eine Quittung aus mit Adresse, Datum und Unterschrift. Die „Hübsche“ möchte für einen Tag 20.- € leihen!“ – „Häääh…was will die“, kam die verdutzte Antwort. „Ja ist schon ok so!“

Ich ging wieder zu meinem Kunden, der schon ungeduldig wartete. Die „Schönheit“ unterschrieb die „Schuldschein“, bedankte sich höflich und ging. Neben meinem Gespräch waren die Gedanken aber bei der Dame und Ihrem Kind.

Am Sonntag sah ich dann den Schuldschein noch auf dem Schreibtisch. Wo ist denn die angegebene Straße in Visbek? Ich fragte Mr. Google Maps! Kein Erfolg – die Straße gibt es nicht in unserm Ort. Ok, dachte ich mir…neue Siedlung…noch nicht erfasst. Aber alle neuen Siedlungen in Visbek tragen andere Straßennamen. Verdammt! Ich habe mich blenden lassen! Das Kind – die „Not“ – Hunger – nur einen Tag – all das wurde mir zum Verhängnis. Ich habe nun die 20.-€ aus meinem Portomaie zurück an den Betrieb gezahlt und ärgere mich schwarz. Nicht wegen des Geldes, sondern viel mehr, wegen meiner leichtfertigen Art. So etwas machen wir sonst nie!!! Warum habe ich es jetzt gemacht?

Ich buche das unter „Lebenserfahrung“ ab. Gut, dass ich den Fehler gemacht habe und nicht eine andere Person. Ob die „Hübsche“ noch bei anderen Geschäften in Visbek Ihre Schauspielkunst gezeigt hat?

3 Reaktionen zu “Reingelegt!”

  1. ZypZyp

    Du bist der überzeugenden Schauspielkunst erlegen; die glaubhafte Performance hat Dich den Gegenwert einer Theaterkarte (auf dem platten Land) gekostet. Du verschmerzt es, der Frau – offensichtlich unter Druck – wurde geholfen. Mein Eindruck von Ferne, der schon mal einem australischen Architekten, der angeblich in Deutschland alle Papiere samt Geld durch Rsub verloren und mit 400 Euro (er wollte eigentlich nur 300) auf Nimmerwiedersehen geholfen hatte: Sie hätte Dir auch einen viel höheren Schuldschein unterschreiben können… 20 Euro hört sich wirklich mehr nach Essen und Trinken als nach einem Einbruch in die Bürgerlichkeit von Christenmenschen an. PS: Ich würde mich auch ärgern – und verstärkt über den Zustand unserer Gesellschaft nachdenken.

  2. Franz-Bernd

    Moin! Ja, das hätte mich auch geärgert. Wie du schon schreibst, nicht wegen der 20€, sondern dass ich mich überrumpeln und blenden lassen habe. Aber lässt man sich nicht Tag täglich blenden? Durch die Politiker, Medien und sonstigen Banditen die lediglich bei einem abgreifen wollen? Bei mir bekommen solche Bittsteller immer gleich eine Arbeitsjacke angeboten und könnten sich dann durch Hof fegen, Unkraut jäten, Holzhacken und sonstige Tätigkeiten ihre Spende erarbeiten. Dann verschwinden sie sehr schnell auf nimmer wiedersehen!
    LG FBS

  3. Biggi

    Lieber Ludger, ein großes Herz ist kein Grund, um sich zu ärgern. Im Gegenteil.

    Und die “Dame”, (so was von dreist!) die kriegt das schon irgendwie zurück. Das Karma vergisst nichts. Davon bin ich überzeugt.

Einen Kommentar schreiben

Sie müssen angemeldet sein, um kommentieren zu können.