Könnten Sie ein Schwein schlachten?

Es ist Montagmorgen…4:30 Uhr…der Wecker ruft mich zu einer neuen Arbeitswoche. Man ist noch extrem müde, weil das Wochenende – wie immer – arbeitsreich war. Ausruhen war nicht möglich. Aufstehen und die Schweine von unserem Landwirt holen. Der Viehhänger steht abfahrbereit, das Wasser ist für die Brüh-u. Kratzmaschine heiß und alles Messer sind scharf. Das alles wurde am Vortrag schon erledigt, damit wir pünktlich mit der Schlachtung anfangen können. Ich habe die Schweine immer selber vom Landwirt geholt, damit sie schonend und behutsam transportiert werden. Alles lief wie gewohnt und wir waren im Team „Landwirt-Schweine-Mitarbeiter“ blind aufeinander eingeschossen!

So ging es mir, bis wir die Schlachtung aufgegeben haben. Damals stand zu Diskussion, dass alles schlachtende Betriebe den vollen EU-Hygienestand erfüllen mussten. Da wir mitten im Ort nur wenige Meter vom Rathaus entfernt unseren Betrieb haben, war die Umsetzung der Verordnung kaum möglich (Rückblickend wäre es möglich gewesen, denn die Umsetzung wurde sehr weichgespült). Die Schweine waren nun im „Schlachthaus“. Die Elektrozange wurde angesetzt und die Schweine waren sofort betäubt. Es wurde ein gezielter Stich gesetzt und nach kurzer Zeit war das Tier tot. Ob das Schwein dabei schmerzen empfunden hat, kann ich nicht beantworten. Eine Rückmeldung gab es verständlicher Weise nie. Der gesamte Schlachtvorgang fand ohne große Gespräche statt. Die Zeit trieb uns. Dennoch habe ich sehr viele und oft über die Würde der Schlachttiere nachgedacht. Ein Tier muss sterben, damit wir den „Rohstoff Fleisch“ verarbeiten können. Wer gibt uns das Recht dazu über den Tod eines Lebewesens zu entscheiden?

Als Fleischer gehört(e) es zu meiner Aufgabe, gutes und wertvolles Fleisch zu bearbeiten. Das geht natürlich nur mit Kompromisse im eigenen Gewissen! Darauf war und bin ich immer noch stolz, denn unser Handwerk genießt viel Vertrauen beim Verbraucher. Leider hat sich die Entwicklung der Schlachtbetriebe in eine Richtung entwickelt, bei der es nur noch wenige Gewinner gibt. Der Landwirt, der Transportunternehmer, der Schlachthausmitarbeiter (Leiharbeiter – Lohndumping – Ausbeutung), der Verbraucher, die Tiere und auch die Fleischqualität sind auf der Verliererstraße angekommen. Das werde ich nicht mehr ändern können. Der „Markt“ gibt hier den Takt an.

Warum schreibe ich nun über Schlachtung von Schweinen, dass ich vor einigen Jahren noch selber gemacht haben? Könnten Sie ein Tier töten und Wurst für den Grill zu bekommen? Ist unser Bewusstsein noch so sensibel, dass wir über die Herkunft eines Burgers noch nachdenken? Wie geht es mir, wenn ich selber ein Tier schlachte? Hand aufs Herz – unvorstellbar? Würden Sie noch Fleisch essen? Oder weniger? Ich finde diese Fragestellungen gar nicht mal so hypothetisch oder abwegig. Unser Anspruchsdenken nimmt mittlerweile ruinöse Formen an- Fleisch ist immer und überall billig zu bekommen!

Der Bayrische Rundfunk hat sich in der Sendung „Plus“ die Aufgabe gestellt! Ich finde den Beitrag so gut und gefühlvoll gemacht. „Kann ich ein Tier töten?“ In einem Beitrag von Eva Riedmann wird gezeigt, dass man seine Gedanken um die Herkunft des Fleisches gerne verdrängt wird. Ariane Alter möchte gemeinsam mit dem Metzgermeister und Agrarwissenschaftler Sven Lindauer ein Lamm schlachten, verarbeiten, verwursten und zu essen. Diese eindrucksvollen und authentischen Bilder haben mich sehr bewegt. Wenn Sie den Beitrag sehen möchten – klicken sie hier: Ariane versucht selbst zu schlachten!

Als die Bilder liefen, habe ich mir die Frage gestellt: „Könntest du noch ein Rind oder ein Lamm schlachten?“ Es ist lange her. Meine Wertevorstellung zum Fleisch, zur Ernährung hat sich auch gewandelt. Es einige Zeit später – nach langer Überlegung – bin ich zum Entschluss gekommen. „Ja, ich könnten das noch!“ Vielleicht ist es anfangs noch schwer, aber ich glaube schon, dass ich mit viel Achtung und Würde schlachten könnte. Ich verarbeite jetzt ja auch Fleisch, Fisch und Geflügel – nur die Aufgabe „vorher“ wird ausgeblendet. Auch bei mir.
Wie sehen Sie das? Könnten Sie ein Tier schlachten? Vielleicht haben Sie es in Ihrer Kindheit einmal gesehen oder mitgeholfen – würden Sie das heute noch machen? Würden Sie dann auf Fleisch verzichten? Ich freue mich auf eine „faire“ Diskussion.

4 Reaktionen zu “Könnten Sie ein Schwein schlachten?”

  1. Marko

    Ein gutes Thema. Ich selbst bin Baujahr 1980 und habe in der Kindheit noch die DDR miterlebt. Hier war es für mich völlig normal, dass es mehrmals im Jahr zum Schlachten zur Oma ging. Das war immer ein recht großes Ereignis. Der Fleischbeschauer kam, die Familie war da und Nachbarn und Freunde halfen beim Schlachten, Zerlegen und Weiterverarbeiten.

    Zu Beginn, ich war vielleicht 5 oder 6, war ich bei der Tötung durch das Bolzenschussgerät noch immer im Haus, aber so ab 7, 8 Jahren war ich auch da dabei. Das war etwas völlig Normales auf dem Dorf und hat mich jetzt auch nicht traumatisiert oder mir geschadet.

    Aber worauf ich hinaus will: Gerade diese Erlebnisse haben mein Bewusstsein für Wurst & Fleisch und das “Produkt Tier” in sofern beeinflusst, dass ich mein Verhalten im Bezug auf Kauf und Verarbeitung von Fleisch- und Wurst-Produkten schon regelmäßig überdenke und eben Produkte aus der Massentierhaltung und Schlachtung so gut es geht vermeide bzw. deren Nutzung einschränke.

    Da kaufe ich lieber einmal weniger Fleisch, weiß aber dass ich, wenn ich im Nachbarort vom Bauern selbst geschlachtete Steaks vom Galloway-Rind kaufe, dass hier das Tier mit Respekt behandelt wurde und ein – sofern das möglich ist – “gutes Leben hatte.”

  2. Ralf Bauer

    Es klingt schon verrückt, aber ich koche sehr gern, verarbeite viel Fleisch (leider auch oft genug aus dem Supermarkt) und kann mir doch nicht vorstellen, ein Tier zu töten. Ich glaube nichtmals, daß ich ein Problem mit dem Zerteilen hätte, wenn man mir ein getötetes Tier vorlegte. Es ist wohl eher der Tötungsvorgang. Ich blende offenbar auch gern das “Vorher” aus.
    Müßte ich selbst töten, würde ich wahrscheinlich Vegetarier werden.
    Irgendwie idiotisch und inkonsequent, aber sehr bequem und seelenschonend, ich geb´s zu. Eine Idee, wie ich den Widerspruch lösen könnte, könnte nur in der Entscheidung Vegetarier ./. selbst schlachten/töten liegen, oder? Weniger Fleisch zu kaufen löst dieses Problem doch nicht, oder? Das schlechte Gewissen ißt doch trotzdem mit! Ich arbeite an einer Lösung.

  3. Tim Cole

    Ich bin seit unserem Umzug in die Apen Jäger und weiß deshalb, wie man ein Stück Wild waidmännisch zerwirkt. Ich kaufe deshalb im Frühjahr immer ein ganzes Milchlamm, das allerdings schon tot ist, und zerlege es für die Tiefkühltruhe.

    Ein Freund von mir, der auch Jäger ist, züchtet in seinem Hof im Lungau schottische Angusrinder. Wenn es wieder Zeit ist, ein Tier zu schlachten, führt mein Freund es hinter den Stall, redet beruhigend auf ihn ein, streichelt es und gibt ihm noch ein letztes Maukvoll Heublumen. Dann schießt er ihm mit dem großkalibrigen Jagdgewehr eine Kugel mitten in die Stirn. Das Rind ist sofort tot und hat zuvor keine Sekunde gelitten oder Angst verspürt.

    Mein Freund macht das aus Rücksicht auf das Tier, aber auch, weil er meint, das Fleisch würde besser schmecke. “Wenn ein Tier in seinen letzten Lebensstunden oder Minuten in Panik gerät, sondert es Angstsekrete ab”, behauptet er.

    Ich weiß nicht, ob das wirklich stimmt, aber sein Rindfleisch ist mit das Beste, das ich je gegessen habe. Okay, sie fressen nur feinsten Alpenheu und leben im Sommer auf der Alm im Freien. Wenn ich den Gestank der verfaulten Heuballen rieche, die beim Bauern nebenan für die Silofütterung verwendet wird, möchte ich am liebsten dem Fleischverzehr abschwören. Aber ich habe das große Glück, genau zu wissen, woher mein Rindfleisch kommt, wie es gefüttert wird, wie es heißt und wie es ums Leben gekommen ist. Das empfinde ich als ein großes Glück!

  4. Carmen

    Schöner Beitrag, danke Ludger! Ich bin mir nicht sicher, ob ich das selber könnte, ein Tier töten. Aber ich will es können, wenn ich weiterhin Fleisch essen möchte. Ich hatte vor 2 Jahren die Gelegenheit, das Schlachten von Schweinen im Kloster Plankstetten mitzuerleben. Und ich esse noch Fleisch. Der ganze Vorgang ging schweigend, konzentriert und schnell ab. Nach 10 Schweinen war der Geruch etwas streng, aber auch das war auszuhalten. Ich esse nicht viel Fleisch, wenn aber, dann Bio-Qualität.

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