Wird Fleisch und Wurst zum Ramschartikel?

Foto: Fleisch und Wurst wird im Discounter billiger – auf welche Kosten?

Die Discounter haben die Fleisch und Wurstpreise erheblich gesenkt. Die Preissenkungswelle ist noch nicht beendet und die Marktdominanz der Lebensmitteldiscounter geht nach deren Belieben einfach weiter.

Optisch mag der Verbraucher denken: „Oh prima! Ich spare Geld und kann mir etwas anderes dafür gönnen! Sollen die Hersteller doch sehen wie sie klar kommen!“ Mit den Preissenkungen wird jedoch eine große Lawine nach hinten losgetreten. Die Landwirte können ihre Betriebe kaum noch wirtschaftlich betreiben. Tierschutz und Regionalität bleiben so auf der Strecke. Die Schlachtbetriebe geraten auch unter Druck. Dort kann die Preisschlacht nur noch aufgefangen werden, wenn die Schlachthöfe zusammen gelegt werden und die Mitarbeiter noch weiter im Stundenlohn gedrückt werden. Löhne von 3,50€/Stunden werden noch länger Standard bleiben. Die Unterkünfte der osteuropäischen Helfer sind zum Teil menschenunwürdig. Zarte Änderungen der Misere werden gerade umgesetzt. Die Reaktionen in Politik und Gesellschaft zeigen, dass der Wertewandel noch ein sehr langer Weg sein wird. Qualität, Nachhaltigkeit und Preiswürdigkeit von Lebensmitteln müssen gelebt werden – wir alle verfallen aber schnell dem Diktat der „Immer-billiger-und-immer-mehr“ – Strategie.
Die Preisschraube dreht sich aber noch weiter. Auch die Zerlegefirmen, Speditionen, Zwischenhändler und Zulieferfirmen müssen die Preissenkung auffangen. Das geht immer zu Lasten der Menden und der Qualität. Wie soll man sonst sparen?
Auch die großen Wurstfabriken können die Preisvorgaben der Discounter nur auffangen, wenn sich größere Mengen immer schneller herstellen. Es zählen nur die Tonnen der Wurstsorten – mehr darf nicht beachtet werden. Auch in diesem „Kettenglied der Preisfindung“ wird der Mitarbeiter gedrückt. Schneller, länger, Nachts und am Wochenende – nur damit die Marge der Discounter stimmt. Viele mittelständische Firmen in der Wurstbranche haben enormen Existenzdruck. Sie haben in teuren Maschinen und Gebäude investiert und hängen am Tropf der Discounter. Fällt ein Auftrag weg, müssen ganze Firmen schließen. Andere reiben sich die Hände und springen in das immer schneller drehende Hamsterrad ein.
Am Ende der Kette steht der kleine Handwerksfleischer. Sie können den Preissog nicht mitgehen und verlieren zunehmend an Bedeutung auf dem Markt. Die geringen Mengen lassen einfach keinen Preiskampf zu. Das Handwerk kauft beim örtlichen Landwirt, schlachtet oft im eigenen Betrieb und vermarktet regional. Dazu kommt die Ausbildung der Kinder und die Steuerzahlungen an die Kommune. Wertvolle tierische Lebensmittel sind längst ein Wegwerfartikel und ein Lockmittel geworden – der Weg kann nicht richtig sein.
Selbstständige Landwirte und Fleischer sind die Leidtragenden!

Wie schaffen wir es nun, aus der immer stärker werdenden Abhängigkeit der Discounter zu kommen? Wie können wir unser Bewusstsein für werthaltige Lebensmittel schärfen? Wollen wir die Regionalität und das örtliche Handwerk fördern?
Sehr viele Fragen die auch sehr viele unterschiedliche Wege haben werden. Fakt ist aus meiner Sicht, dass nur wir Verbraucher eine Veränderung herbeiführen können. Diese Veränderung müssen beim Discounter ankommen – ein unglaublicher Kampf. Gewonnen wird er nur, wenn das Bewusstsein millionenfach bei uns geändert wird. Solange das nicht geschieht, „spielen“ unsere „Ernährer“ weiter mit den Landwirten, Herstellern und Verbrauchern.

12 Reaktionen zu “Wird Fleisch und Wurst zum Ramschartikel?”

  1. Susanne Melles

    Fleisch, Wurst und Eier kaufen wir aus Prinzip auf dem Wochenmarkt. Da habe ich den direkten Kontakt zum Erzeuger und weiß, wo die Produkte herkommen. Ist natürlich etwas teurer, aber es muss ja nicht jeden Tag ein Fleischgericht sein.

  2. Hendrik

    Ich kann Ihre Argumentation und Ihre Gedanken gut nachvollziehen. Bis diese Gedanken bei einer relevanten Größe der Bevölkerung angekommen sind, wird sich der Markt der Fleischerbetriebe und auch der Handel selbst völlig verändert haben. Dann wird es zu spät sein.

    Dagegen hilft nur, sich auch zu verändern und Nischen zu besetzen. Z.B. Nischen von Verbrauchern, die Qualität und Regionalität bereits heute im Fokus haben. Da die Nische in kleinen Städten oft zu klein sein dürfte, könnte der Versand im Netz eine Strategie, die erforderliche Menge zu erreichen. Auf jeden Fall aber die Konzentration auf margenträchti(ger)e Produkte wie Feinkostdelikatessen, kulinarische Souvenirs und den Megatrend “Heimat” (= Region).

    Den Preiskampf mit den Discountern kann man nur verlieren.

  3. Claus Böbel

    Ich kann Hendrik nur zustimmen.
    Ich fahre mit dem was er vorschlägt super gut und schaffe es dadurch auch wesentlich leichter die Metzgerei vor Ort in einer kleinen Ortschaft zu erhalten.

  4. Ludger Freese

    @Susanne,
    genau das sage ich meinen Kunden auch immer. (auch bei Vorträgen) “Esst weniger Fleisch!” Dann schauen mich alle mit großen Augen an. Die Erklärung bewusster in der Heimat zu kaufen gibt dann die Aufklärung.

    @Hendrik,
    ich teile Ihre Meinung voll und ganz. Den Preiskampf gegen die Discounter werden wir nie gewinnen. Schon der Gedanke daran ist verlorene Zeit. Wir können nur mit Persönlichkeit (Inhaber), Heimat, innovative Produkte und Schnelligkeit den Kunden begeistern.

    Das Internet – da gebe ich
    @Claus Böbel völlig Recht – ist eine gute Alternative. Auch hier muss ich versuchen einen Vorsprung und einen Vorteil für die Kunden zu schaffen.

  5. Doc Sarah Schons

    klasse artikel, ludger!
    doch wie ändern wie die verblendung / ignoranz der bürger/innen, die mit solchen sätzen aufwarten “fleisch is dat bessere jemüs” und auch gern bei h&m kaufen etc. .. ???
    auch wenn das jetzt einen shitstorm auf mich auslöst (als veganerin und menschen- und tierrechtlerin bin ich das ja gewöhnt): in den inbesondere unteren und teilweise mittleren und höheren bildungsschichten ist die botschaft schlicht nicht verstanden, wie diese welt noch zu retten ist. geiz ist geil und “das leben der anderen” (meint tiere UND menschen) nichts wert…

  6. Bertl vo Zwiesel

    das metzgerhandwerk müsste meines erachtens viel besser in den vordergrund gestellt werden. discounterware müsste viel öfters negativ in der presse erscheinen. es kann doch nicht sein, dass ein bayer seine weißwurst bei aldi, lidl und konsorten kauft. wird das handwerk nicht stärker beworben bleib das ein kampf gegen windmühlen. gruss bertl

  7. Kulinarische Blogrundschau 3/2014: Gastro-Arbeitsplätze, Billigfleisch, Heilfasten & Prowein | Notizen für Genießer

    [...] 2. Folgen der Preisschraube beim Fleisch Metzgermeister Ludger Freese diskutiert die Folgen der Dumpingpreis-Politik der Lebensmittel-Discounter. Er plädiert für weniger, aber dafür nachhaltigen Fleischgenuss. Da bin ich ganz seiner Meinung! Hier geht es zu seinem Beitrag: Wird Fleisch und Wurst zum Ramschartikel? [...]

  8. Der Wirtschaftsteil | GLS Bank-Blog

    [...] finden das auch Metzger nicht mehr so toll, wie das alles läuft, das kann man etwa hier bei einem bloggenden Metzger nachlesen. Oder aber man lässt die Details, tritt ganz weit zurück und guckt auf die ganze Welt. Sieht aber [...]

  9. Woanders – Der Wirtschaftsteil | Herzdamengeschichten

    [...] finden das auch Metzger nicht mehr so toll, wie das alles läuft, das kann man etwa hier bei einem bloggenden Metzger nachlesen. Oder aber man lässt die Details, tritt ganz weit zurück und guckt auf die ganze Welt. [...]

  10. URS

    Das zu betonen, was man anders haben will, führt selten in die richtige Richtung.
    Lasst uns noch ein letztes Mal betonen, dass die Leute, die ihr Fleisch beim Discounter kaufen, die gelieferte Ware auch verdienen. Beim nächsten Fleischskandal haben dann die Discunter das Nachsehen.

    Wir konzentrieren uns lieber darauf, dass es genug Kunden gibt, die gutes Fleisch haben wollen. Das gibt es gut präsentiert beim Metzger des Vertrauens, der sogar noch Hintergrundinformationen dazu erzählen kann. Vielleicht noch ein Kühlschrank mit abgepacktem Fleisch für die Kunden, die nicht so gerne kommunizieren.

    Ludger, Du machst alles richtig.
    Zusätzlich zum ausgezeichneten Fleisch noch Catering, Rezepte, Restaurant, Konserven, und nette und freundliche Helferlein überall um Dich herum. Der Erfolg gibt Dir recht.

    Solange Du Dein gutes Fleisch über vertrauenswürdige Schlachtereien beziehst, von vertrauenswürdigen Bauern, sind genug Kunden da, die Dir das Vertrauen für Fleisch entgegenbringen, das seinen Preis wert ist.

  11. Schmausepost vom 28. März 2014 - Newsletter | Schmausepost

    [...] Weil’s nicht wurst ist: Die Rabatt­schlacht der Dis­coun­ter beim Fleisch erzürnt auch Food­blog­ger. Metz­ger Lud­ger Freese erklärt, wie Aldi & Co. Druck aus­üben — auf Land­wirte, Schlacht­höfe und auch auf den Hand­werks­metz­ger. Und Dirk von Würtz-Wein zetert mit mehr als einer Spur Sar­kas­mus über „Wir Deut­schen“, die sich über alles auf­re­gen — nur nicht über den Wahn­sinn der Lebens­mit­tel­in­dus­trie. Essen kom­men (L. Freese), Würtz-Wein [...]

  12. Meine-Sauna.info - der Sauna Ratgeber

    Die Leute sparen halt an Artikeln wie Wurst und anderen Lebensmitteln damit Sie sich tolle Luxusprodukte wie zum Beispiel eine Sauna kaufen können.

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